Nukleare Verseuchung: Bitte nicht breitlatschen

Letzten Freitag war ich bei einem Vortrag über die Verbrennung der Trümmer, die Erdbeben und Tsunami letztes Jahr hinterlassen haben. Schutt und Müll aus der Katastrophenregion sollen nämlich in ganz Japan verbrannt werden, aber die Angst vor einem „Breitlatschen“ der radioaktiven Kontaminierung ist überall in Japan groß. Auch in Miyazaki wird das Thema heiß diskutiert, weshalb ich nun einen etwas ausführlicheren Artikel dazu schreiben möchte.

Nach offiziellen Schätzungen hinterließ das Große Erdbeben mehr als 20 Millionen Tonnen Schutt, Müll und Trümmer. Die Beseitigung der riesigen Trümmerberge ist eine große Herausforderung für die Kommunen im Katastrophengebiet, und um ihnen die Sache zu erleichtern hatte die japanische Regierung (konkret das Umweltministerium) die fabelhafte Idee, 20% dieser Trümmer in landesweiten Müllverbrennungsanlagen zu entsorgen. Glücklicherweise kann das Umweltministerium nicht einfach sagen, der Müll wird dort und dort verbrannt, das letzte Wörtchen reden da die Kommunen. Das Umweltministerium hat nun viele Städte direkt gebeten, bei der Müllverbrennung zu helfen, darunter auch Miyazaki City.

In vielen Städten Japans regt sich großer Widerstand gegen dieses Projekt. Nachrichten aus Tokyo, wo die Radioaktivität nach der Verbrennung von Trümmern aus dem Katastrophengebiet gestiegen ist, bestätigen die Sorgen. Man kann natürlich mit etwas Zynismus sagen, Tokyo ist ja sowieso von der Havarie in Fukushima betroffen, da kommt es darauf nun auch nicht mehr an. Kyushu (und Miyazaki) ist jedoch weit entfernt. Warum sollte die radioaktive Verseuchung nun auch bis Kyushu breitgelatscht werden?

Nach einer Umfrage der Tageszeitung Yomiuri vom 8. April haben 35 japanische Präfekturen und Städte die Aufnahme von Müll akzeptiert, oder tendieren zumindest in diese Richtungen. Die Befürworter der Trümmerverbrennung in Miyazaki argumentieren, dass Miyazaki während der Maul- und Klauenseuche große Unterstützung aus ganz Japan erhalten hat, auch von der Tsunami-betroffenen Region, und dafür müsse man sich nun revanchieren. Für die Gegner der Verbrennung geht es hier nicht um eine Gefälligkeit, oder darum, eine Schuld zu begleichen. Die infizierten Kadaver hunderttausender von toten Kühen und Schweinen wurden immerhin auch innerhalb von Miyazaki verbrannt und nicht durchs ganze Land gekarrt. Sollten in Miyazaki wirklich radioaktive Trümmer verbrannt werden, sehen sie die gesamte lokale Landwirtschaft in Gefahr, der wichtigste Industriezweig in Miyazaki. Und nicht zuletzt bangen sie um ihre Gesundheit.

Um über die Gefahren der Katastrophen-Trümmer aufzuklären, luden die Miyazakier Verbrennungsgegner den Tokyoter Umweltjounalisten Yasushi Aoki zu einem Vortrag ein.

Herr Aoki beschäftigt sich schon lange mit dem Thema Müllverbrennung (hier sein Blog auf japanisch) und setzt sich gegenwärtig gegen die landesweite Verbrennung der Katastophen-Trümmer (und damit der Gefahr des Breitlatschens der Radioaktivität) in ganz Japan ein. Dafür hält er im ganzen Land Vorträge, macht Interviews mit den Verantwortlichen, und veröffentlicht Texte.

Bei seinem Vortrag war ich zunächst erstaunt, dass er nicht als erstes auf die Gefahren durch die Radioaktivität, sondern auf die finanziellen Kosten des Unterfangens einging. Doch das macht durchaus Sinn, denn für sowas haben die Verantwortlichen noch eher offene Ohren. Die Verbrennung einer Tonne Müll direkt im Katastrophengebiet koste demnach ca. 200€, bei Transport bis nach Kyushu würde die Tonne um die 1000€ kosten – nicht nur Müll-, sondern auch Steuergelderverbrennung. Spart man sich die Transportkosten von zehntausenden von Tonnen, könnte man mehrere Müllverbrennungsanlagen im Katastrophengebiet neu bauen, unbelastete Lebensmittel transportieren, und Menschen finanziell unterstützen, die freiwillig evakuieren wollen.

Dann kam natürlich das Argument der radioaktiven Verseuchung. Nicht gerade Vertrauen erweckend ist der Umstand, dass vor der Havarie Müll mit über 100 Becquerel Cäsium /kg als „radioaktiver Müll“ bezeichnet wurde. Der Grenzwert wurde nun auf 8000 Becquerel Cäsium /kg erhöht (also um das 80-fache), d.h. dass radioaktive Asche bzw. nicht brennbare Substanzen mit diesen Werten wie normaler Müll vergraben werden können.

Das Umweltministerium scheint die Gefahr der radioaktiven Trümmer teilweise anzuerkennen – für die landesweite Verbrennung sind nur Trümmer aus den Präfekturen Miyagi und Iwate vorgesehen, Trümmer in Fukushima sollen vor Ort verbrannt werden. Das, obwohl selbst Karten des Umweltministeriums eine Kontaminierung weit über die Grenzen der Präfektur Fukushima hinaus belegen.

Auf dem Foto unten sieht man im Hintergrund eine Karte von Müllverbrennungsanlagen, in denen Tsunami-Trümmer verbrannt wurden. Nach der Verbrennung wurde die Radioaktivität in den Filtern gemessen: Rot – viel. Der rote Bereich deckt sich weitestgehend mit der Verbreitung der Radioaktivität nach der Havarie.

Radioaktivität verschwindet nicht durch Verbrennung. Radioaktive Partikel werden in die Luft geschleudert, und bedecken alles als feiner Staub. Normalerweise muss radioaktiver Müll in extra dafür vorgesehenen Einrichtungen verbrannt werden, nicht in gewöhnlichen Müllverbrennungsanlagen.

Auch anwesend bei dem Vortrag war Hiromi Furuta, Sprecherin der Fukushima-Flüchtlinge in Miyazaki. Sie brachte die Sache auf den Punkt: „Fukushima verfolgt uns“. Viele Tausend Familien sind aus Angst um ihre Kinder aus dem Großraum Tokyo geflüchtet, viele hundert sind bis nach Miyazaki gekommen. Inzwischen haben sie sich ein neues Leben hier aufgebaut. Für sie ist eine Verbrennung selbst von gering radioaktiv belasteten Trümmern völlig inakzeptabel. Wie einer meiner Freunde sagte, der aus Tokyo nach Miyazaki geflüchtet ist: „Werden irgendwo in Kyushu diese Trümmer verbrannt, dann werde ich das Land verlassen.“

Man kann nicht mit Bestimmtheit sagen, welche Auswirkungen die Verbrennung von Trümmern des Katastrophengebiets haben würde – vielleicht keine? Aber muss hier nicht das Prinzip der Vorbeuge gelten? Wie kann die japanische Regierung auch noch um die letzten unverseuchten Gebiete pokern?

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3 Antworten to “Nukleare Verseuchung: Bitte nicht breitlatschen”

  1. Lars Lindner Says:

    He Sasch, sag den Leuten, dass Atommuell ueberhaupt nicht verbrannt werden darf, dass macht ueberhaupt keinen Sinn und verstreut nur die Radioaktivitaet, wie du schon meintest. In Deutschland wird der Atommuell ja eingelagert in speziellen Atomendlagern. Gut, der Muell von euch ist ja allgemein Schuttgut und eine unglaubliche Menge, doch diese muesste gesondert verbrannt oder zersetzt (Bakterien?) werden!!! Das waere, wie wenn man eine Person mit einer hochansteckenden Krankheit ins Krankenhaus schicken wuerde, die Krankheit wuerde nur verbreitet werden…Von meiner Seite hast du meine Unterstuetzung. Lies mal meinen Kommentar, den ich vor kurzem in einen deiner ersten Blogs hinterlassen habe, Mann und wir quatschen bald ok, Gruesse Lars

    PS: Die japanische Regierung hat echt n Rad ab…

  2. Ingrid Klinger Says:

    Lars hat mir aus dem Herzen gesprochen und wehrt euch wehement in eurer Region!!! Und wenn alles nichts hilft, so hast du und deine kleine Familie gute Möglichkeiten, daß Land zu verlassen. Ich hoffe sehr, das ist dir bewußt. Deine Gesundheit, die von Ribeka und von meinem Enkel Nico ist etwas ganz wichtiges!!!
    Deine Mutti

  3. around the world airfare Says:

    email marketing Campaign

    Nukleare Verseuchung: Bitte nicht breitlatschen | Zacki Zacki Miyazaki – Sascha

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